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Mentalität und der Blick auf die Tabelle

Mentalität, wer darüber ausführliche Aufsätze lesen möchte, dem empfehle ich Catenaccio07, leidenschaftlicher Rot Weiss Essen-Fan und obendrein ebenfalls Catlover. In diesem Beitrag wird es auch über Mentalität gehen. In der aktuellen Lage scheint ein Drittliga-Duell zwischen Rot-Weiss Essen und den Schanzern wahrscheinlicher den je.

Es gibt einige die halten Mentalität für etwas unsinniges. Entscheidend sei die Qualität auf dem Platz. Die reine Qualität der Einzelspieler. Wie wichtig Mentalität ist, zeigt sich an drei Beispielen aus dem Weltfußball. 2005 führte die Startelf des AC Mailand im Champions League-Finale im Atatürkstadion in Istanbul zur Halbzeit 3:0. Die Welt war sich einig, das Spiel gewinnt Liverpool nie im Leben. Wie soll das gehen? Zu souverän war Mailand über Liverpool hinweggefegt. Es dauert aber in der zweiten Halbzeit lediglich acht Minuten bis es 3:3 stand. Natürlich war da auch Glück dabei. Aber ab dem 3:2 war es ein Spiel der Mentalität. Liverpools Torwart Dudek, der als Zappelmann im Elfmeterschießen in die Geschichte einging, hielt alles was auf sein Tor kam. In der Verlängerung hielt er mit einer Monsterparade gegen Schewtschenko die Reds im Spiel. Im Elfmeterschießen machte Liverpool dann das Wunder perfekt und holte sich den fünften Henkelpott in der Geschichte. Was die Einzelspieler anging war Milan damals turmhoher Favorit. Noch heute schallt mir der Kommentatoren-Spruch: „Here we go. Mircales are possible“ im Ohr.

Generell scheint Liverpool ein Verein der Mentalität zu sein. Legendär war ebenfalls das 4:0 im Champions League-Halbfinale-Rückspiel gegen den FC Barcelona. Die Reds machten das unmögliche möglich. Was erstens an der guten mitreißenden Stimmung im Stadion lag und natürlich auch daran, dass die Mannschaft den Glauben nicht verlor. Außerdem hat Liverpool seit Jahren nicht nur gute Einzelspieler sondern auch Mentalitätsmonster wie Andrew Robertson oder Jordan Henderson, die ihre Mannschaft mitreißen und mit guten Leistungen vorangehen.

Auch so ein Mentalitätsmonster war der FC Bayern. Nach der Niederlage im Finale dahoam fegte der FCB über die Bundesliga wie ein Sturm hinweg. Der Frust der bitteren Niederlage trug die Bayern bis nach Wembley. Dort krönten sie ihre Saison mit dem Champions League-Sieg und holten das Triple. Eine Trotzreaktionssaison die zu drei Titeln führte. Super-Cup usw. mal nicht eingerechnet. Einen großen Anteil am Titel hatte freilich damals auch der Trainer Jupp Heynckes der den Frust der Bayern-Spieler in positive Energie und Dominanz ummünzte.

Gegen St. Pauli hat beim FCI eben etwas entscheidendes gefehlt. Die Giftigkeit, die Galligkeit, der unbedingte Wille. Ohne diese Attribute gewinnst du grundsätzlich keine Fußballspiele, aber schon gar nicht im Abstiegskampf. Die drei Spiele zuvor müssen aber ordentlich eingeordnet werden. Der 1. FC Nürnberg verlor nachdem 5:0 gegen den FCI mit 4:1 in Karlsruhe. Die Schanzer holten gegen Sandhausen einen Punkt (0:0). Ein Rumpelspiel das insgesamt sehr chancenarm war. Sandhausen hat sich aber aber vom Abstiegsabgrund abgesetzt. Die Sandhäuser haben nun neun Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz. Auf die Relegation sind es dagegen nur ein Punkt.

Interessant ist dabei auch der Blick auf die gelben Karten. Während Rostocks Spieler 67-mal eine Verwarnung kassierten, sahen Schanzer „nur“ 50-mal den gelben Karton. Sandhausens Spieler wurden 58-mal, Aues 54-mal. Freilich sind Gelbe Karten kein Qualitätsmerkmal. Aber im Keller ist vor allem auch Aggressivität wichtig.

Gegen Bremen kickte der FCI zwar gut mit, doch Werder war drückend überlegen. Wären die Bremer mit ihren Chancen nicht so schludrig umgegangen hätten sie die Partie schon lange entscheiden können. Am Ende entführten die Schanzer einen Punkt aus dem Weserstadion, gerade weil Bremen die Partie solange offen ließ.

St. Pauli musste gegen die Schanzer nicht mal mit 100 % spielen. Die Schanzer hatten keinen Zugriff, kamen nicht in die Zweikämpfe und spielten nach vorne überhastet, ungenau und auch ohne genauen Plan. Natürlich wirbelte der Doppelwechsel Heinloth-Neuberger und Neuburger-Stevanovic die Defensive durcheinander. Doch nachdem 2:1 durch Burgstaller war noch genügend Zeit auf der Uhr um wieder ins Spiel zurückzukommen. Interessanter erscheinen hier die Spielerwechsel von Trainer Rüdiger Rehm. Bis zur 82. Minute wartete Rehm bis er nochmal einen Dreierwechsel vornahm und Kutschke, Sulejmani und Gaus brachte. Vor allem eine mögliche weitere Verletzung hätte ihm den Handlungsspielraum genommen, begründete Rehm seine Entscheidung nachdem Spiel. Also wartete er beim Stand von 3:1, bis kurz vor Schluss, wohlwissend dass die Mannschaft keine zwei Tore mehr erzielen wird.

Ob frühere Wechsel nochmal zum Anschlusstreffer geführt hätten, ist freilich hypothetisch. Aber bei so einem Rückstand in der Tabelle muss eben alles versucht werden. Egal gegen welchen Gegner. Wer der Gegner ist, zählt schon lange nicht mehr. Aber die Uhr tickt, gegen den FCI.

Das Delta auf den Relegationsplatz bleibt bei zehn Punkten, auf den ersten Nichtabstiegsplatz elf Punkte. Elf Spiele sind noch zu gehen, auf eine Siegesserie oder einen richtigen dauerhaften Ruck deutet noch nichts hin. Für den Relegationsplatz waren in den letzten Saisons 33 Punkte, 37 Punkte oder 35 Punkte nötig. Die Schanzer haben aktuell 15 auf dem Konto, Rostock 25 Punkte. Das Delta aus der Hinrunde ist eine gigantische Bürde für die Schanzer.

Erschwerend kommt noch dazu, dass die Schanzer als eigentlich erfahrene Abstiegskämpfer noch nie mit so einem großen Rückstand in die Rückrunde gingen. 2011/2012 und 2018/2019 waren es drei und in der Bundesliga vier (in der Bundesliga ging man am Ende mit fünf Punkten Rückstand ins Ziel). Diese Saison ging der FCI mit elf Punkte Rückstand in die Rückrunde.

Aufgeben ist niemals eine Option. Solange es theoretisch möglich ist, muss das Team kämpfen. Doch dafür ist mehr Mentalität auf dem Platz nötig. Den Gegner an der Mittellinie mal rabiat stoppen, sich gegen jeden Widerstand stemmen, mit vollem Risiko bei Rückstanden wechseln. Selbst dann, kann es bei der aktuellen Tabellen-Konstellation trotzdem nicht reichen. Aber dann können sich Trainer und Spieler nichts vorwerfen lassen.

Alle Bilder: Roland Geier

Kutschke und Gaus könnten es schwer haben

Über das 5:0 gegen Nürnberg werde ich kaum Worte verlieren. Darüber wurde genug getweetet und geschrieben. Der Blick geht schon wieder nach vorne, Richtung: Sandhausen-Spiel.

Interessant waren vor allem zwei Personalien, die gegen Nürnberg nicht auf dem Platz standen: Stefan Kutschke und Marcel Gaus. Beide fehlten und fehlten dennoch nicht. Denn der FCI-Express rollte. Das Offensivspiel der Schanzer war schnell, flach, direkt und vorne fielen die Tore. Die Offensivkräfte bekamen ihre Leichtigkeit zurück.

Wenn die Spieler Pick, Röhl, Bilbija und Ayensa weiter so spielen, haben es Kutschke und Gaus richtig schwer wieder zurück in die Startelf zurückzukehren. Und mit seinem Jokertreffer gegen Nürnberg sammelt Jalmir Sulejmani fleißig Argumente für einen Startelf-Einsatz.

Für Rüdiger Rehm wird jedenfalls leicht beiden Spielern diese Konsequenz zu vermitteln. Denn Rüdiger Rehm verfügt mittlerweile über Alternativen und Qualität. Er kann einen Konkurrenzkampf befeuern. Dieser trägt auch bereits die ersten Früchte.

Auf persönliche Befindlichkeiten kann jetzt keine Rücksicht mehr genommen werden. Es zählt nur noch eins: das Erreichen des Klassenerhalt, egal wie.

Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Und spielen sollten diejenigen Spieler, bei denen die Aussicht am Größten ist, dass sie den FCI zu Punkten verhelfen.

Titelbild: Roland Geier

Die Coronafälle gefährden den Spielbetrieb

Mit einer dezimierten Mannschaft trat der FC Ingolstadt 04 in Rostock an. 15 Personen befanden sich in Quarantäne bei den Spielern fehlten Fabijan Buntic, Marc Stendera, Maximilian Beister, Denis Linsmayer, Michael Heinloth, Dominic Franke, Filip Bilbija, Merlin Röhl und Rico Preißinger. Malte Metzelder sprach auf der Pressekonferenz vor dem Spiel von Personen „die nicht vollständig geimpft sind.“ Näheres war nicht zu erfahren. Metzelder sagte aber auch: „Ich hoffe, dass ein Impuls kommt, sich das zu überlegen.“ Diese Aussage oder wie der Donaukurier schrieb „ein Impf-Appell light“ lassen da schon mehr Interpretationsspielraum.

Das eine Impfung nicht nur sich selbst schützt, sondern auch seine Mitmenschen ist bekannt. Die aktuelle vierte Welle die durch das Land rollt ist eine Pandemie der Ungeimpften. Jeder kann in sein persönliches Umfeld blicken. Jeder wird ein:e Ungeimpft:e kennen. Also warum sollte das im Fußball nicht anders sein? Wir sind alle eine Gesellschaft.

In meinem Unternehmen galt bereits vor der bundesweit eingeführten 3G-Regel ein strenges Testregime. Auch Geimpfte müssen sich täglich testen. Wer einen Test verweigert, wird unbezahlt nachhause geschickt. Und dieses strenge Testregime hat schon zahlreiche mögliche großflächige Personalausfälle verhindert. Denn durch unser Unternehmen rollen gerade die Inventurwellen. In die Inventur stecken von vielen Mitarbeiter:innen jede Menge Arbeit und Anstrengung. Kraftakt wäre wohl die bessere Beschreibung dafür. Leichtsinn und Corona-Infektionen gefährden den Geschäftsbetrieb.

Die DFL durfte nur dank eines strengen Hygienekonzepts den Spielbetrieb wieder aufnehmen. Doch testen ist das eine. Aber impfen verhindert Infektionen. Die beste Teststrategie bringt nichts, wenn es genügend Personen gibt die sich nicht impfen lassen.

Im Fußball wird der Spielbetrieb gefährdet. Für den FCI kamen die Coronafälle zur Unzeit. Abgeschlagen auf dem letzten Platz vor nun zwei weiteren wichtigen Spielen gegen Hannover 96 und Dynamo Dresden. Das ganze gepaart mit einem hundsmiserablen Punkteschnitt von Trainer André Schubert. Der Trainer von Jackwerths Gnaden wird sich nur über die Winterpause hinaus retten können, wenn das Team mindestens vier Punkte bis zur Winterpause holt. Denn nur Punkte können die aktuell große klaffende Lücke auf den Relegationsplatz und den ersten Nichtabstiegsplatz schließen.

Die genauen Impfstatus der Spieler gehen im Zweifel keinen etwas an. Aber fakt ist, jeder ungeimpfte Spieler erhöht das Risiko für Infektionen und auch für Quarantäne-Maßnahmen. Neben zahlreichen Spielern die fehlen (Langzeitverletzte) und der ohnehin katastrophalen sportlichen Situation, kann das der FCI nicht gebrauchen. Über disziplinarische Maßnahmen (Gehaltskürzungen oder zeitweise Freistellungen) sollte nachgedacht werden.

Ungeimpfte muss das Land und ein Rechtstaat aushalten. Eine Impfpflicht wird nach Ankündigung des designierenden Bundeskanzlers Olaf Scholz im März 2022 kommen. Doch so eine hohe Zahl von Ungeimpften muss unser Land nicht aushalten. Ich als Geimpfter schon gar nicht. Ich habe für Ungeimpfte kein Verständnis, Ausnahme sind natürlich diejenigen die sich krankheitsbedingt nicht impfen können. Und schon gar nicht verstehe ich es, wenn der Ligaerhalt meines Klubs dadurch akut gefährdet wird.

Die passende Antwort im Falle einer Niederlage hatte der Twitter-Acount „Schanzer Live“ ja bereits vor dem Spiel parat. Wenn der FCI verliert, waren es „unfaire Umstände.“ Diese unfairen Umstände haben aber Personen herbeigeführt die sich nicht impfen lassen wollen. Nicht das Schicksal, nicht die DFL und auch nicht Hansa Rostock. Die Verantwortung liegt bei jedem Spieler, bei jede:r Mitarbeiter:in im Klub selbst. Wenn wir gewonnen hätten, hätten wir wohl ein Wunder gefeiert. Klar ist auch, dass dieser Punkt im Rostock mehr als schmeichelhaft war. Hansa hatte ein Dutzend von Chancen. Die Schanzer hatten mit ihrem dezimierten Kader mehr Glück als Verstand.

Der FCI muss nachbessern, der FCI muss überzeugen und zur Not auch disziplinarische Konsequenzen ziehen. Als würde die sportliche Misere nicht schon reichen, gefährdet Corona im Klub nun das Klassenziel.

#SGDFCI: Nicht nervös werden

Der FCI ist herbe aufgeschlagen. Gegen Dynamo Dresden kassierte unser Team zum Saisonauftakt eine 3:0-Niederlage. Damit hat der FCI bei den letzten zwei Auftritten in Dresden, sieben Gegentore kassiert und keins erzielt. Das Rudolf-Harbig-Stadion wird allmählich ein rotes Tuch.

Schon wurde ordentlich Kritik am neuen Trainer Roberto Pätzold laut. Teilweise auch zu Recht. Denn mit Rico Preißinger und Nico Antonitsch nahmen zwei erfahrene Spieler erst auf der Bank Platz. Während Maximilian Neuberger (FC Ingolstadt II) sein Profi-Debüt feierte. Thomas Keller, Dennis Eckert Ayensa, Merlin Röhl, Jalen Hawkins und Filip Bilbija feierten ihre Zweitliga-Premieren. Es stand also eine blutjunge Mannschaft auf dem Platz. Doch dem FCI fehlen aktuell acht Akteure verletzt, darunter Marcel Gaus, Cannigia Elva und Tobias Schröck. Roberto Pätzold erklärte nachdem Spiel, er habe nach den Trainingsleistungen aufgestellt und nach dem Kriterium, welche Spieler das Team zum Erfolg führten. Und so wird auch weiterverfahren, stellte er nochmal klar.

Die Strategie auf junge eigene Spieler zu setzen ist richtig. Denn lange verpflichtete der FCI, erfahrene Spieler die bei ihren Klubs nicht mehr zum Zug kamen. Viele haben den Klub nicht weitergebracht. Auch sind die Kassen eher klamm. Große finanzielle Sprünge sind nach zwei Drittliga-Jahren nicht möglich.

Doch trotzdem wird der FCI nicht darum herumkommen, nochmal an der Kaderbreite zu arbeiten. Das nur zwei erfahrene Akteure auf der Bank Platz nehmen konnten, spricht Bände.

Trotzdem braucht man jetzt nicht nervös werden. Saisonauftakt-Spiele sind keine Königsdisziplin des FCI. Eine Warnung sollte das Ergebnis aber trotzdem sein. Vergangene Spielzeit stiegen die Aufsteiger Braunschweig und Würzburg gleich wieder ab.

Alle Bilder: Roland Geier

Doppelinterview. Gemeinsam nochmal die Relegation durchlebt.

Im vergangenen Jahr trafen die Schanzer und der Club im Sportpark in der 1. Hauptrunde des DFB-Pokal aufeinander. Es war ein großes Fußballfest. Spät siegten damals die Nürnberger. Damals hätte keiner ernsthaft daran gedacht, dass in der Relegation sich Nürnberg und die Schanzer wieder begegnen. Vor allem das Rückspiel war ein Drama das seinesgleichen sucht. Zusammen mit Frank vom „Clubgeflüster“ durchlebe ich die Relegation nochmal. Ganz nachdem Motto: In den Farben getrennt, in der Sache vereint.

Wie geht es Euch ein paar Tage nach diesem Relegationsdrama? Blutdruck und Puls wieder normal?

Max: Am Montag war ich immer noch angefressen. Deswegen möchte ich mich bei meinen Kollegen entschuldigen. Viele Personen haben mit mir gesprochen und es ebenfalls als extrem bitter empfunden. Das war nett. Aber mittlerweile habe ich mich damit arrangiert, dass wir weiter drittklassig sind. Aber bis dieses Saisonende komplett verdaut ist, wird es noch dauern. 

Frank: Am Sonntag war ich noch total aufgekratzt, am Montag euphorisch überdreht und inzwischen ist wieder alles im vernünftigen Rahmen. Glaub ich.

Wie habt Ihr die letzten Sekunden der Nachspielzeit erlebt?

Max: Ich war nicht entspannt auf der Couch gelegen, aber ich war schon recht siegessicher. Das verrückte war, ich habe das Spiel auf DAZN geschaut und habe von einem Darmstadt-Fan eine Nachricht mit „Oh man“ erhalten. Ich dachte mir: Wieso denn das? Fand er das Spiel einfach gut? Und durch die Zeitverzögerung zwischen Stream und ZDF-Live-TV-Bild habe ich dann schon gemerkt, wieso er das geschrieben hat. Die Nachspielzeit war wie jede typische Nachspielzeit. Der Club hat irgendwie alles noch versucht, die Bälle nach vorne zu tragen. Und wir haben versucht die Zeit von der Uhr zu bringen.

Frank: Ich war fassungslos und total paralysiert vor dem Fernseher gestanden. Habe nicht mehr an ein Tor vom Club geglaubt. War schon mitten im Kopfkino, was der Abstieg wohl für Auswirkungen haben würde. Dann murmelt Schleusener mit eingesprungenem Stechschritt halb im Fallen den Ball an Keeper Knaller vorbei – und die Kugel trudelt ins lange Eck. Als er im Netz lag hab ich die ganze Nachbarschaft zusammengebrüllt „TOR für den Club!“ Dann Zittern, ob der Schiri das Tor anerkennt. Ich dachte mir: „Wenn das jetzt minutenlang Videobeweis gibt, wird das die schlimmste Entscheidung jemals für einen der beiden Vereine werden.“ Ein frenetischer Jubelschrei, als der Schiri dann zum Anstoßpunkt gezeigt hat.

Beschreibt kurz Eure Gefühlswelt direkt nach dem Abpfiff?

Frank: Mein Sohn und ich haben uns fest umarmt und wir standen da, halb lachend, halb weinend. Der Schlusspfiff in der 97. Minute war dann die Erlösung. Klassenerhalt in letzter Sekunde. Ausgerechnet der Club schafft mal ein entscheidendes Tor kurz vor Schluss. Danach kauerte ich fix und fertig mit der Welt am Boden – durchgeschwitzt und mit hochrotem Kopf. Nur noch erleichtert, dass der Super-GAU vermieden werden konnte und diese Dreckssaison endlich vorbei ist.

Max: Ich saß wie ein Häufchen Elend mit gesenktem Kopf auf der Couch, die Hände im Gesicht. Da war kein Gefühl, nichts. Einfach Leere. Dann habe ich mir eine Halbe aufgeschossen, ein paar Zigaretten geraucht und etwas gekocht. Ich musste irgendwas Produktives machen. Spätabends habe ich dann Frank angerufen und zum Klassenerhalt gratuliert. 

Frank: Beim Telefonat haben wir dann auch entschieden, das gemeinsame Interview zu machen.

Nach Abpfiff wurde es auf dem Rasen hochemotional und handgreiflich. Ingolstadts Trainer Oral trat anschließend in der Pressekonferenz verbal nach. Schlechte Gewinner und schlechte Verlierer? Eure Meinung dazu?

Max: Ich verstehe zu 100% die Emotionen, auch die negativen die einen da übermannen. Aber, bei aller Emotion, im Sport muss man vor allem in der Niederlage Größe zeigen. Und da gehört Spieler des Gegners angreifen, die Nachspielzeit gebetsmühlenartig kritisieren usw., einfach nicht dazu. Speziell zu Stefan Kutschke sei gesagt. So jemand ist das Amt des Spielführers nicht würdig. Da haben zwei bis drei Personen für eine richtig schlechte Außendarstellung gesorgt und das finde ich furchtbar. 

Frank: Ich fand die Szenen zwar nicht gut, kann sie aber vollkommen verstehen. Wenn man sich überlegt, welche Gefühlswelt beide Teams auf dem Rasen in wenigen Minuten durchlebt haben, dann sind solche extremen Reaktionen nicht auszuschließen. Das eine Team war schon fast tot und krabbelte doch noch aus dem Sarg, während sich das andere schon im Himmel wähnte und binnen Sekunden in die Hölle abstürzte. Mehr Drama auf einem Fußballplatz in den letzten Sekunden der Nachspielzeit geht eigentlich nicht.

Wenn Ihr beide Relegationsspiele betrachtet: Ist der Club der verdiente Sieger?

Max: Ist es verdient, wenn der große Club in der Nachspielzeit dem Gegner noch einen reineiert? Ich weiß es nicht. Das kann ich nicht eindeutig beantworten. Im Hinspiel hätte der Club die Relegation zumachen müssen. Da sind wir mit zwei blauen Augen, geprellten Jochbein und angehauenen Knien noch gut davongekommen. Im Rückspiel hattet ihr am Ende, mehr Glück als Verstand. Ich habe vor der Relegation gesagt, wenn wir gewinnen wird es verdient gewesen sein. Wenn wir es nicht packen, hat es nicht gereicht. Zu diesem Wort stehe ich. Grundsätzlich sei noch gesagt. Auf eine Relegation mit dem Club, hatte ich nie Bock. Dazu ist die Verbindung zu groß. Wenn jemand vor der Saison gesagt hätte, dass das Relegationsspiel wird, hätte sowieso jeder einem den Vogel gezeigt. Außer vielleicht die Fürther. 

Frank: Betrachtet man beide Spiele, war es schon verdient: Der Club hatte ein deutliches Chancenplus, dazu noch zwei Aluminiumtreffer und zwei hauchdünne Abseitstore. Normalerweise muss das Hinspiel 4:0 ausgehen, dann ist der Drops fast schon gelutscht. Insgesamt hat Ingolstadt eine prima zweite Halbzeit gespielt und innerhalb von zwölf Minuten drei Tore aus Standards erzielt. Wenn das gereicht hätte, hätte der Club die Fehler für das Scheitern alleine bei sich suchen müssen. Dass dann am Ende so eine Dramatik reinkam, hätte jeder gerne vermieden. Ein 0:0 im Rückspiel hätte es auch getan und unsere Nerven geschont. 

Wie sehr hat es Euch geschmerzt, dass die Relegation wegen Corona als Geisterspiele ausgetragen werden mussten?

Frank: Das war total surreal. Ich hätte die Mannschaft gerne unterstützt und ein volles Haus mit 50.000 Zuschauern wäre ein würdiger Rahmen gewesen. Da es eines der besten Saisonspiele vom FCN war, wäre die Stimmung im Achteck überragend gewesen. So musst du ausgesperrt vorm Fernseher sitzen und fühlst dich noch machtloser als sonst. Einfach ätzend!

Max: Generell nehmen fehlende Zuschauer aus jedem Spiel sämtliche Spannung und Dynamik. Selbst wenn man die Spiele nur am Fernseher schaut, fehlen einfach die Fans im Stadion. Bei der Relegation 2019 herrschte zur Halbzeit im Rückspiel (Spielstand 1:3 für Wiesbaden), Stille. Auch das ist ein Element. Über 10.000 Menschen die schweigen vor Fassungslosigkeit. Fußball ohne Zuschauer ist einfach nicht Fußball. Diese Anspannung vor dem Spiel, dieses Gewusel, der Lärm, die Emotion, die immer größere werdende Anspannung vor dem Spiel. Das alles fehlt einfach. 

Sollte die Relegation prinzipiell beibehalten werden? Was sollte man am Modus ändern?

Max: Eigentlich müsste ich jetzt sagen, die Relegation muss abgeschafft werden. Aber ich bin ein Freund der Relegation. Ihr wärt jetzt abgestiegen, wir wären durch gewesen. Einen beißen immer die Hunde. Aber ich finde den Modus gut. Wenn es nach dem Trend gegangen wäre, hätten wir uns als Drittligist durchgesetzt. Auch an der Auswärtstorregel sollte nicht gerüttelt werden. Sie ist seit Jahrzehnten Teil des Fußballs. Jeder Fan, Trainer und Spieler weiß, was in KO-Spielen auf einen zukommt. Und die Rechenspielchen kennt auch jeder. Danach darf sich keiner beschweren. Und wenn ein Klub nach zwei Remis, die Klasse hält, mei dann ist das halt so. Union Berlin ist mit zwei Remis aufgestiegen. Da hat auch keiner geschrien. Interessanterweise rufen immer die gleichen nach der Abschaffung. Und vor allem dann, wenn es verdammt knapp war. Der Club ist, muss man ehrlicherweise sagen, oftmals Nutznießer der Relegationsspiele gewesen. Ihr habt zwei Abstiege abgewendet und seid einmal aufgestiegen. Die Bilanz lässt sich sehen. 

Frank: Da muss ich Max zustimmen. Der Modus ist so wie er ist und das weiß jeder. Wenn man die Relegation künftig beibehält, sollte auch der Modus so bleiben. Man sollte lediglich darauf achten, dass die Erholungspausen für beide Teams annähernd gleich lang sind und es dadurch zu keiner Wettbewerbsverzerrung kommt. Emotional betrachtet sehe ich die Relegation als sehr zwiespältigen „Höhepunkt“ an, auch wenn der Club von viermal Relegation dreimal seine Ziele noch erreicht hat. 

Was wünscht und erhofft ihr Euch für die neue Saison?

Max: Kein Relegationstripple, egal gegen wen es gehen würde. Ich wünsche mir, dass der FCI seine Philosophie mit jungen und erfahrenen Spielern auf dem Platz weiter konsequent fortführt. Wir haben ja keine schlechte Saison gespielt. Vielleicht ist diese Ehrenrunde auch nötig, um mehr Konstanz reinzubringen. Ich hoffe, dass wir eine kampfeslustige, eingeschworene Truppe auf dem Platz bringen. Wenn sie noch ein bisschen gut Fußball spielen kann, bin ich sehr zufrieden. Natürlich wollen wir aufsteigen. Und ich hoffe, dass diese bittere Pleite im Rückspiel jetzt dafür sorgt, dass sich jeder dem Ziel Aufstieg unterordnet und wir alles daransetzen, wieder in die 2. Bundesliga zurückzukehren. Und gegen ein Heimspiel im DFB-Pokal gegen den 1. FC Nürnberg hätte ich nichts einzuwenden. Dieses Mal schießen wir aber in der Nachspielzeit den „Siegtreffer.“ 

Dem Club wünsche ich das Beste. Ordnet euch in der sportlichen Führung neu, stellt euch gut auf und habt Geduld mit dem Aufstieg in die Bundesliga. Ihr seid dem Borndlkramer in der letzten Sekunde von der Schippe gesprungen. Da sollte nichts überstürzt werden. 

Frank: Ich glaube zwar, dass die Schanzer nächstes Jahr den Aufstieg packen können, aber nicht, dass wir uns im DFB-Pokal treffen. Beide Vereine sind jetzt im Lostopf der Amateure und werden trotz Heimspiel wohl die 1. Runde nicht überstehen (lacht). 

Zunächst müssen so schnell wie möglich ein neuer Sportvorstand und Trainer gefunden werden, damit in dieser wertvollen Phase der Vorbereitung keine Zeit vergeudet wird. Ansonsten hoffe ich, dass der Club die überstandene Relegation ohne Triumphgetöse, sondern mit Demut analysiert und aus diesem knapp gelungenen Klassenerhalt Mut und Zuversicht schöpfen kann. Nur wenn qualitativ gute Einzelspieler endlich wieder ein Team werden, kann sich auch wieder Erfolg einstellen. Von der 1. Liga sollte bitte keiner träumen, denn dort gehören wir mit den gezeigten Leistungen erstmal nicht hin! Hauptsache es wird nicht noch so eine Katastrophensaison und wir können bald wieder im Stadion live dabei sein. Denn ich grusele mich vor noch mehr Geisterspielen!

Danke für das Interview.

Euch allen eine erholsame Sommerpause und bleibt gesund.

Das Interview findet ihr beim Clubgeflüster unter folgenden Link: https://clubgefluester.wordpress.com/2020/07/16/hoelle-und-himmel-in-sekunden/#more-2026

Titelbild: Roland Geier